Haus

Als ich den süßen Typen kennen gelernt habe, hat er gerade sein Haus gebaut. Jedes Wochenende fuhr er nach Hause zu seiner Baustelle. Er fuhr nicht zu seiner Frau, sondern zu seiner Baustelle. Sein Haus war sein Heiligtum. Für mich war von Anfang klar, dass wir kein Happy End haben werden, da er niemals, unter keinen Umständen, sein selbst gebautes Haus aufgeben würde. Seine Ehe konnte ich damals noch nicht so einschätzen. Doch sein Haus, war definitiv sein Lebenswerk. So war es vor 3 Jahren. Irgendwann im Laufe unserer Affäre, zog er mit seiner Frau ins neue Haus. Ab dem Zeitpunkt, fuhr er nach Hause zu seiner Frau. Nicht mehr auf seine Baustelle. Doch wenn wir über unsere Wochenenden sprachen, hatte ich das Gefühl, dass er auch da noch, nur am Arbeiten war.

Nachdem er ins neue Haus eingezogen war, hat er zu mir gesagt „Wenn ich jetzt sterbe, ist es auch in Ordnung, denn ich habe alles erreicht. Ich hab ein Kind gezeugt, ein Haus gebaut und einen Baum gepflanzt. Mein Leben war erfolgreich.“ Mir hat das damals in meinem Innersten weh getan. Ich wollte dass er glücklich ist, und nicht dass er sich mit dem Arbeiten umbringt. Doch er hat das immer anders gesehen. Er sieht seinen Lebenssinn darin, alle anderen glücklich zu machen und wenn er dabei draufgeht, dann ist es für ihn auch okay. Das war für 3 Jahren so, das war vor 2 Jahren so, das war auch noch vor einem Jahr so. Vor 2 Monaten hatten wir mal ein Gespräch. Sein Körper zeigt ihm mittlerweile immer öfter seine Grenzen auf. Er ist körperlich mittlerweile ziemlich angeschlagen.

Was ihn dazu gebracht hat mir folgendes zu sagen „Das Haus bringt mich noch mal um, aber was soll ich machen, jetzt hab ich 5 Jahre meine Gesundheit aufs Spiel gesetzt, jetzt kann ich es auch nicht aufgeben.“ Ich hab ihm dann in meiner unverwechselbaren direkten Art dann leider sagen müssen „Klar, es ist viel sinnvoller, wenn du die nächsten 15 Jahre auch noch deinen Körper schindest, um dann nach 20 Jahren drauf zu kommen, dass du nicht mehr kannst.“ Mehr wurde damals auch nicht gesagt. Ich hatte da schon aufgegeben, ihm Gutes tun zu wollen. Die Affäre war vorbei und ich hatte klar verloren. Ich hätte damals auch nichts gesagt, wenn er nicht das Gespräch begonnen hätte.

Vorige Woche eröffnete er mir dann, dass er mit seiner Frau beschlossen hatte, das Haus zu verkaufen. Dazu fiel mir dann definitiv nix mehr ein. Lange Zeit war das Haus meine größte Konkurrenz. Das größte Hindernis, auf dem Weg zu meinem Glück zu dem süßen Typen und jetzt wurde es einfach so verkauft. Ich war schockiert und verwirrt. Er erklärte mir seine Beweggründe, doch ich versuchte nur herauszufinden was ich dabei fühle. Und ich fühlte gar nichts. Es war mir egal. Sein Leben und seine Entscheidungen betreffen mich nicht mehr. Klar im Kopf war diese Erkenntnis schon vor einem halben Jahr angekommen, doch nun hatte es auch mein Herz und meine Seele verstanden.

© Libellchen, 2011

2 Kommentare zu “Haus

  1. schon merkwürdig, wie manchmal das leben spielt…
    und das sage noch einmal jemand, dass man sich nicht ändern kann…

    • Tja, wenn die Zeit gekommen ist, tun die Menschen das wofür Zeit ist. Was dann meistens dann ist, wenn man es am wenigsten von ihnen erwartet….

      Ich hoffe nur er wird glücklich mit seiner Entscheidung!

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