Entschleunigung

Dauernd hört man davon dass man seinen Alltag entschleunigen soll. Dass die sozialen Medien einen permanent unter Druck setzen und dass man sich dagegen wehren soll. So ein Blödsinn, dachte ich. Dann lernte ich einen Typ kennen. Auf einem Kurs. Wir verstanden uns total toll und ich fand es traurig ihn nie mehr zu sehen. Also suchte ich ihn auf Facebook und schickte ihm eine Freundschaftsanfrage. Und dann hieß es warten. Er ließ sich über eine Woche Zeit meine Anfrage zu bestätigen. Und ich merkte dass ich nervös wurde und meine Gedanken sich begannen im Kreis zu drehen. Hätte ich die Anfrage nicht schicken sollen? Was denkt er darüber? Warum bestätigt er nicht?…

Als ich noch jung war hatte ich eine Brieffreundin. Damals schrieben wir noch mit der Hand – das dauerte. Dann beschrifteten wir ein Kuvert. Das wir oftmals erst kaufen mussten! In der Trafik oder einem Schreibwarengeschäft. Manchmal ging auch die Tinte in der Füllfeder aus, dann musste die erst mal gewechselt werden. Briefmarken aus der Trafik holen, Brief in Kuvert stecken, verschließen, abschicken. Und dann hieß es warten. Doch ich empfand niemals so viel Ungeduld als in dieser einen Woche warten auf eine Freundschaftsanfrage.

Damals lief die Kommunikation weit entspannter ab als heute. Doch den sozialen Medien will ich deswegen noch lange nicht die Schuld geben. Schuld sind wir Menschen ganz alleine. Wir selbst setzen uns unter Druck. Unsere eigene Ungeduld. Als er nach einer Woche nicht geantwortet hatte, beschloss ich dass es mir egal sei. Ich hatte das Gefühl gehabt, die Anfrage schicken zu sollen, wenn er nicht antwortet, wird es auch für was gut sein. 2 Tage danach bestätigte er. Eine Woche danach schickte er mir eine Nachricht. Ich wollte gleich antworten – wie ich es gewohnt bin – doch dann beschloss ich zu warten. Mir Zeit zu lassen. Eine Woche schaffte ich zwar nicht, aber 3 Tage – immerhin!

Ich habe das jetzt auch bei anderen schon ein wenig verzögert. Habe aufgehört auf jedes brummen meines Handys sofort zu reagieren. Und auch immer sofort zu antworten. Denn auch wenn ich es nicht merkte, durch das Abstellen der sofortigen Reaktion merkte ich erst, wie sehr ich tatsächlich unter Druck gestanden war! Schätze die ganzen gscheiten Leuten die dauernd von der Entschleunigung reden, haben doch Ahnung von dem was sie sagen! Ich wird mich da in Zukunft auf jeden Fall ein wenig damit spielen. Nehmt es also nicht persönlich wenn ich nicht mehr umgehend auf eure Anfragen antworte. Ich will mich nur ein wenig entschleunigen….

© Libellchen, 2015

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