Ehrlich

Es gibt nur ganz wenige Menschen zu denen ich vollkommen ehrlich bin. Inklusive Eingeständnis meiner eigenen Schwächen. Okay, hier im Blog mache ich das auch, aber in einem persönlichen Gespräch mit jemand der mich real kennt, ist es dann doch noch mal etwas anderes.

Mir wurde das vor kurzem bei einem Telefongespräch wieder mal bewusst. 10 Jahre nicht gesehen, doch sobald ich die Stimme hörte, die ich jetzt seit 30 Jahren kenne, waren alle Masken gefallen. Kein mein Leben ist perfekt. Kein ich bin der glücklichste Mensch auf Erden. Er erinnert sich gerne an unsere Vergangenheit, ich habe nicht so getan als ob es bei mir auch so sei. Ich sagte ihm klar, dass ich die Vergangenheit nicht weiter beachtet hatte, bis er mir wieder über den Weg gelaufen war.

Wir brachten uns in kurzer Zeit auf den aktuellen Stand, was war in den letzten 10 Jahren passiert und wieso haben wir uns eigentlich aus den Augen verloren. Naja, ich lernte damals jemand kennen und konzentrierte mich auf meine neue Liebe – der Ex. Das gab ich auch unumwunden zu, kein „ich weiß nicht was passiert war“. Natürlich weiß ich es. Ich habe mich nicht mehr gemeldet, war zu sehr beschäftigt mit meinen Zukunftsplänen, meiner Familienplanung.

Und ich habe dafür gebüßt. Ich bin vollends auf die Schnauze gefallen, was ich auch eingestand. Wie gesagt, bei ganz wenigen Menschen, kann ich schwach sein. Kann ich ganz ehrlich sein. Kann sagen, wenn etwas weh tut, weil ich nicht die Angst habe, dass sie es gegen mich verwenden. Allerdings kann ich diese Menschen an einer Hand abzählen und 50% davon sind Familie.

Wer also sind diese 5 Menschen bei denen ich mich traue die Maske zu lüften? Ganz vorne natürlich meine 2 Mütter – meine leibliche und meine Stiefmutter. 2 Frauen die meine traurigsten Momente mitbekommen haben und mir dabei auf ganz unterschiedliche Art eine Stütze waren. Und so halb mein Vater. Bei ihm traue ich mich noch nicht ganz die Maske zu lüften. Ich will schließlich dass er stolz auf mich ist. Andererseits liest er hier mit und kennt somit das Mädchen hinter der Maske. Und dann ist da noch meine beste Freundin. Ihr kann ich auch alles sagen. Wenn mich etwas verletzt oder emotional belastet. Sie war in den letzten 10 Jahren immer da, wenn ich sie brauchte – nennen wir sie Aretha. Und jetzt ist Tim wieder da.

Er war in vielen schlimmen Momenten bei mir. Hat mich gesehen, als ich mich gehen lies. Hat mich traurig, wütend und einsam erlebt. Und dann haben wir uns 10 Jahre nicht gesehen und bei unserem ersten Telefongespräch, war ich ganz ich. Ich konnte ihm von meinen Enttäuschungen erzählen, frei von Angst. Ich erzählte ihm von meinem Tief, er erzählte mir von seinen Verletzungen. Und als wir fertig waren, war der Entschluss des Treffens nur noch präsenter geworden. Es muss einfach sein. Und es wird kommen. Doch zuerst müssen wir einen Termin finden, wo wir beide Zeit haben, doch das werden wir. Das ist keine Frage. Bei ihm weiß ich, dass es passieren wird. Deshalb habe ich auch Geduld, im Gegensatz zu ihm. Er ist der Ansicht, dass es dringend ist. Ich stellte tatsächlich die Frage nach dem Warum. Bei ihm habe ich keine Scheu. Bei ihm kann ich über meinen Schatten springen. „Weil ich dich vermisst habe!“ – Gibt es eine schönere Antwort, von jemand der das wahre ICH kennt?

Ich denke nicht. Ich freue mich.

© Libellchen, 2014

2 Kommentare zu “Ehrlich

  1. Liebes Libellchen,
    am liebsten hätte ich zweimal (oder öfter) „gefällt mir“ gedrückt, so schön fand ich deinen Artikel.
    Es ist ein ganz besonderes Geschenk, wenn man einen solchen Menschen kennt, der alles von einem weiß (oder wissen kann) und uns deswegen mag.
    Ich habe darüber nachgedacht, wie das in meinem Leben ist. Einer Arbeitskollegin kann ich wirklich alles erzählen…, meine jetzige Frau weiß sehr viel von mir und hat viel von mir erlebt, aber alles erzählen verletzt oft, weshalb es schwierig ist…, meinen beiden Helferinnen kann ich sehr viel erzählen…, aber jemand, der mich wirklich gut kennt, und dem ich rückhaltlos alles erzählen könnte, den habe ich nicht in einer Person :). Meine verstorbene Frau, mit der ich fast 25 Jahre verheiratet, und von der ich mich kurz vor 25 getrennt habe, da war es so. Sie hatte später einen Freund, und da reichte ein Blick, ein paar Worte, um zu wissen wie es ihr ging.
    Aber dennoch bin ich sehr zufrieden mit den Freunden und Freundinnen, die ich habe.

    Etwas anderes hat mich noch sehr berührt in deinem Artikel. Die Sätze:
    „Und so halb mein Vater. […….] Ich will schließlich dass er stolz auf mich ist. Andererseits liest er hier mit…“
    Da habe ich richtig deutlich fühlen können, wie verbunden ich mich noch mit meinem Vater fühle, der allerdings schon seit 1989 nicht mehr lebt. Manchmal fehlt so ein väterlicher Freund!

    Ganz lieben Dank für den tollen Artikel!

    Alles Liebe für dich und einen wunderschönen Tag für dich!
    Rolf

    • Hallo Rolf!
      Ja Menschen die einem so akzeptieren wie man ist, sind sehr wertvoll! Man braucht eigentlich auch nur einen Menschen. Jemand mit dem man seine Gedanken austauschen kann, somit bin ich mit 5 Personen schon sehr gesegnet – auch wenn es nicht immer so war. Wahrscheinlich weiß ich es erst dadurch richtig zu schätzen!
      Ich wünsch dir auch noch einen schönen Abend!
      LG

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