Schritt

„Es ist nie zu spät für den ersten Schritt.“

Sehr oft wurde ich in den letzten Monaten damit konfrontiert, dass es Menschen gibt, die sich zwar über die positive Veränderung bei mir, freuen, aber selber nichts tun wollen, damit es ihnen selbst besser geht. Sie sind der Meinung dass es für sie selbst zu spät ist, da sie ja schon älter, als ich selbst, sind.

Als ich nach meinem Tief, heuer die ersten positiven Momente erlebte und merkte wie schön und leicht, das Leben mitunter sein kann, war ich kurz versucht mich darüber zu ärgern, dass ich mich nicht schon viel früher um mein Wohlergehen gekümmert habe. Ich hatte 33 Jahre meines Lebens vergeudet. Hatte mich in Selbstmitleid gesuhlt und war lange Zeit depressiv durch die Gegend gelaufen. Ich hätte mir viel erspart, wenn ich mich schon früher um mich gekümmert hätte.

So gesehen verstehe ich die Ansätze von älteren Menschen auch. Was wenn sie es schaffen und es ihnen dann besser geht? Dann haben sie noch mehr Zeit „verschwendet“. Und das würde sicher verdammt weh tun. Doch was ist die Alternative. Alles beim alten belassen und weiter leiden? Für viele ist die Antwort ja. Sie haben sich mit ihrem Leben arrangiert, und auch wenn sie nicht glücklich sind, so ist es doch eine gewohnte Situation. Veränderungen machen ja auch immer irgendwie Angst. 

Ich kann das alles verstehen, doch gut heißen werde ich es trotzdem nicht. Ich werde meine Meinung dazu auch weiterhin ungefragt kommunizieren. Es ist nämlich wirklich nie zu spät für den ersten Schritt. Man stelle sich vor man ist heute 50 und hat eine ähnliche Lebenserwartung wie meine Großeltern vor sich, die gehen mittlerweile auf den 90er zu. Dann reden wir von 40 Jahren. Das ist eine längere Zeitspanne, als ich auf der Welt bin.

50 schwere Jahre und 40 leichte Jahre gegen 90 schwere Jahre.

Also ich wüsste was ich tun würde. Ich würde in die Zukunft schauen und mich auf eine bessere Zeit freuen. Natürlich hat man dann Jahre wo es einem nicht so gut ging. Wo man sagen könnte die hat man verschwendet. Doch wer wären wir, wenn wir in der Vergangenheit anders gelebt hätten? Ganz sicher wo anders. Jede negative Erfahrung in meinem Leben, hat mich an den heutigen Punkt in meinem Leben geführt. Alles negative dass ich erlebt habe, hat mich angespornt, es besser haben zu wollen. Und so hab ich mich darum gekümmert. Wahrscheinlich bin ich auch häufig „falsch“ abgebogen und hab mir das Leben selbst schwer gemacht, aber was soll ich sagen – so bin ich halt.

Oder besser gesagt – so war ich mal. Ich mache es mir mittlerweile nicht mehr selbst schwer. Ich habe akzeptiert, dass das Leben auch schön sein kann. Dass man kein schlechtes Gewissen haben braucht, wenn man sein Leben genießt. Dass man erst dann richtig für andere da sein kann, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. Das Egoismus auch was gutes sein kann, solange man ihn nämlich nicht auf den Rücken anderer lebt. Ich habe gelernt, dass das Leben auch leicht sein kann. Dass es sogar richtig flutschen kann. Ich stehe momentan bei einem glücklichen Zeitraum von 4 Monaten. Das klingt jetzt zwar nicht nach soviel, wie erhofft, aber es war eine verdammt schöne Zeit. Und ich freue mich das erste Mal in meinem Leben auf die Weihnachtszeit. Ich will mir heuer sogar, das erste Mal überhaupt, Weihnachtsdeko zulegen. Und meine Mädels wollen mit mir Kekse backen und ich freu mich schon richtig drauf!

Normalerweise beginnt um diese Jahreszeit meine Herbstdepression, die dann nahtlos in eine Winter- und Weihnachtsdepression übergeht. Doch heuer lass ich das aus. Ich hab das nicht nur beschlossen, sondern ich spüre, dass es so ist. Es wird gut weiter gehen, und alleine dafür haben sich die harten Monate letztes Jahr gelohnt.

Mit sehr vielen Weihnachten in meinem Leben konnte ich nichts anfangen. Sehr viele Weihnachten waren „verschwendet“, doch ich freue mich auf die nächsten 10? 20? 30? 40? 50?
Möglicherweise habe ich noch sehr viele schöne Jahre vor mir. Also ich finde, es ist besser, heute als morgen den ersten Schritt in ein schöneres Leben zu machen. Und was meinst du?

© Libellchen, 2011

2 Kommentare zu “Schritt

  1. Guten Morgen Libellchen,
    merkwürdig, aber ich habe mir um genau dieses Thema gestern noch Gedanken gemacht. In meiner Familie schien es verboten glücklich zu sein, Freizeit zu geniessen, das Leben einfach nur toll zu finden.
    Der, der bei uns am meisten litt, am meisten sich quälte, war auch der, der die meiste Aufmerksamkeit bekam. Immer Gejammer über einen schweren Job, über mangelnde Gesundheit.
    Ein Standartsatz „Hast du es gut“ und ich empfand ihn als Beleidigung, ja ich fühle mich heute noch unwohl dabei. Ja, ich habe es gut, weil ich dafür sorge, weil ich erbittert darum gekämpft habe, dass es mir heute gut geht und weil ich wollte, dass das Leiden endlich ein Ende findet.
    ABER, will ich das wirklich? Erlaube ich mir das wirklich? Darf ich das? Irgendwas in mir sagt heute noch: „NEIN“
    Danke für deine Gedanken, mal wieder Volltreffer!

    Übrigens, ich bin 55 Jahre und ich habe mich entschieden etwas für mich zu tun, weiter FÜR mich zu kämpfen. Meine Mutter hat den anderen Weg gewählt, ihr war das zu anstrengend. Sie ist unnötigerweise schon früh verstorben.
    Heute weiß ich, SIE hat das entschieden, sie wollte es so, bzw. konnte nur so.
    Ich habe ihr viel zu verdanken, wegen ihr und meinem Vater habe ich es dringend nötig gehabt die Verantwortung für mich zu übernehmen und mich von ihnen abzulösen. Meine Leben ist völlig anders, als das meiner Eltern und es ist gut so.
    Ich bin eine Kämpferin, sozusagen eine Kampfamazone oder so 🙂

    Libellchen, die die Kraft nicht haben, müssen ihr Leben eben mit Leiden verbringen. Nur sollten sie nicht die Chance bekommen dieses Leiden mit uns zu teilen. Die Weigerung meines Umfeldes, sich mein Gejammer weiter anzuhören, hat mir sehr geholfen gesund zu werden.
    Liebe Grüße
    Elke

    • Liebe Elke!

      Dein Ansatz ist „Darf ich das?“ Dazu kann ich nur sagen „Ja, du darfst das!“ Deine Mutter hat sich entschieden zu leiden, du hast dich entschieden zu leben. Jeder Mensch ist seines eigenen Glückes selbst Schmied. Und alle die leiden wollen sollen das tun. Doch wir, die wir leben wollen, dürfen uns da kein schlechtes Gewissen einreden lassen.

      Genauso wenig wie ich mir sagen lasse, was ich denken soll, genau so wenig lasse ich mir sagen wie ich leben soll. Natürlich sehen das viele Menschen anders, doch da tu ich dann was eine Freundin zu mir gesagt hat „Du musst deinen Weg weiter gehen!“

      In diesem Sinne, geniesse den Tag liebe Elke

      GlG

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