Marie – Kapitel 8

Marie war traurig und erleichtert gleichermaßen. Tom war nicht gekommen. Die Überlegung wie die Leute reden würden, war überflüssig gewesen. Er hatte sie versetzt. Gott sei Dank hatte sie ihr Buch mitgehabt. Sie hatte es gleich zu Beginn der Pause herausgenommen und begonnen darin zu lesen. Die ganze Zeit hatte sie die Tür im Auge behalten, doch er war nicht aufgetaucht. Und auch wenn sie enttäuscht war, so hatte zumindest niemand was mitbekommen. Sie las wie jede andere Pause auch. Außer ihr selbst wusste niemand, dass sie versetzt worden war. Und auch wenn sie erleichtert war, sich nicht der Rederei der anderen Schüler stellen zu müssen, so war sie doch traurig, dass er nicht aufgetaucht war. Marie war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie fast vergaß aus dem Zug auszusteigen. Sie war gerade auf dem Heimweg von der Schule und heute war die Zeit so schnell vergangen wie noch nie. Normalerweise kam ihr die Zugfahrt wie eine Ewigkeit vor, doch heute war alles ganz anders, obwohl sich oberflächlich betrachtet nix geändert hatte. Tief in ihr hatte die Hoffnung geschlummert, dass sich Tom tatsächlich mit ihr Treffen will. Und genau diese Hoffnung war heute enttäuscht worden. Das war ein neues Gefühl für Marie. Normalerweise hoffte sie auf nichts. Sie lebte einfach so dahin, abwartend wohin sie das Leben führte.

Immer noch mit ihren Gedanken beschäftigt, bog sie bei ihr zu Hause ums Eck und stolperte fast über Tom´s Beine. Er saß vor ihrer Haustür und sah schrecklich aus. Sie spürte sofort, dass etwas passiert war. „Hey, was machst du da?“ Sie wusste nicht was das sollte. Zuerst hatte er sie versetzt und jetzt saß er vor ihrer Tür. Und er sah echt übel aus. Seine Augen hatten das Blitzen verloren und er hatte tiefe Augenringe. „Meine Großmutter….wir wissen nicht….es war so knapp…war heute nicht in der Schule….können wir reden….weiß nicht mit wem sonst…..bitte!“ „Klar, komm mit rein, sonst holst du dir noch die Grippe.“ Er stand auf, und Marie konnte sehen wie viel Mühe es ihm kostete. Sie gingen hoch in die Wohnung, wo sie sich nebeneinander aufs Marie Bett setzten, wo er auch sofort begann die ganze Geschichte zu erzählen. Seine Großmutter war in der Nacht zuvor fast gestorben. Gott sei Dank konnte sie vom Notarzt wieder belebt werden. Tom war noch spät in der Nacht mit seinen Eltern zu ihr ins Spital gefahren. Dort hatten sie dann die restliche Nacht und den ganzen Vormittag verbracht. Zu Mittag waren sie dann zu seiner Großmutter nach Hause gefahren, um ein paar Sachen zu holen. Und jetzt waren seine Eltern wieder im Spital und warteten auf Neuigkeiten warum das Herz plötzlich aufgehört hatte zu schlagen. Sie war zwar schwer krank, doch dieser plötzliche Herzstillstand kam trotzdem überraschend. Marie merkte wie Tom die Ungewissheit, was genau mit seiner Großmutter los war, zu schaffen machte.

„Weißt du, eigentlich sollte ich jetzt auch bei ihr sein, doch ich konnte nicht. Sie sieht so schlecht aus und es tut mir so weh sie so zu sehen. Sie war immer so lebenslustig, doch jetzt ist sie nur mehr ein Schatten ihrer selbst. Es macht mich einfach fertig sie so zu sehen. Und deshalb bin ich jetzt hier und nicht im Spital, weswegen ich auch ein irrsinnig schlechtes Gewissen habe.“ Mit jedem Wort konnte Marie spüren wie sehr er unter der Situation litt. Sie wollte ihn trösten, doch sie wusste absolut nicht, was sie sagen sollte. Und so tat sie etwas, was sie normalerweise nicht getan hätte. Sie nahm ihn in den Arm. Eine kurze Umarmung als Trost. Doch als sie sich wieder von ihm lösen wollte, klammerte er sich an ihr fest. Und so saßen sie in ihrem Zimmer am Bett und sie hielt Tom einfach nur im Arm und spendete ihm Trost.

© Libellchen, 2011

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