Marie – Kapitel 1

Marie war eine schüchterne 16jährige. Sie war ein Einzelkind und ihre Eltern kümmerten sich nicht wirklich viel um sie. Sie war immer eine brave Schülerin gewesen und hatte nie wirklich was angestellt. Was wahrscheinlich auch daran lag, dass sie die meiste Zeit mit ihren Büchern verbrachte. Da Marie so schüchtern war, hatte sie nie wirklich Anschluss gefunden in ihrer Klasse. Die meisten redeten nur dann mit ihr, wenn sie ihre Aufgabe abschreiben wollten. Ansonsten wurde sie ignoriert.

Die Wochenenden verbrachte sie lesend zu Haus. Raus traute sie sich nicht wirklich, da würde sie vielleicht mit jemanden sprechen müssen und davor hatte sie panische Angst. In ihrer Klasse gab es nur ein Mädchen, das hin und wieder mit ihr sprach. Doch auch das wurde immer weniger, da Marie nicht wirklich was zu sagen hatte. Bei ihr drehte sich alles um die Schule und um ihre Bücher.

Heute war Marie das erste Mal zu spät dran. Es war Winter und der Zug war vor lauter Schneefall ausgefallen. Und so hastete Marie quer durch die Stadt und wusste doch, dass sie es nicht rechtzeitig in die Schule schaffen würde. Sie lief was ihre Beine hergaben, doch sie war keine Sportlerin und so merkte sie dass ihre Beine immer schwerer wurden. Doch sie ließ nicht nach. Vielleicht würde sie es ja doch noch schaffen. Vielleicht war ja auch der Lehrer zu spät dran, dann konnte es sich noch ausgehen. Vielleicht hatte sie Glück und die Tür war noch offen.

Mit letzter Kraft erreichte sie das Schulgebäude. Jetzt noch schnell in den ersten Stock, um die Kurve und oje! Sie sah ihn noch bevor sie gegen ihn prallte. Doch bremsen konnte sie nicht mehr rechtzeitig. Und so fiel sie dem Schulschwarm direkt in die Hände. „Hey, nicht so stürmisch Kleine!“ Auch das noch. Ein flotter Spruch von ihm. Sie wechselte ihre Gesichtsfarbe in tiefrot, stammelte ein „Entschuldige“ und schummelte sich an ihm vorbei. Man war das peinlich. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Was würde der jetzt wieder von ihr halten. Eigentlich hatte sie ja einen riesigen Wortschatz, nur schlagfertig war sie so gar nicht. Vielleicht hatte sie ja Glück und er würde vergessen sie je getroffen zu haben.

Heute war definitiv nicht ihr Tag. Auch die Tür zum Klassenzimmer war geschlossen. Sie hatte es nicht geschafft. Sie wusste wenn sie jetzt die Tür öffnen würde, würden sie alle anschauen. Alle Blicke erwartungsvoll auf sie gerichtet, wartend auf ihre Entschuldigung warum sie so spät war. Und sie würde was sagen müssen. Mist. Und wenn sie einfach vor der Tür warten würde, bis die erste Stunde um war? Warum hatte sie sich bloß so beeilt. Wäre sie langsam vom Bahnhof hergegangen, wäre sie wahrscheinlich grad recht zur zweiten Stunde gekommen. Doch jetzt war es für diese Überlegung zu spät. Sie stand vor der Tür und wenn jetzt jemand um die Ecke kam, würde sie ebenfalls erklären müssen, was sie vor der Tür machte. Na dann. Sie überlegte was sie sagen wollte, atmete tief durch, öffnete die Tür, sah die Blicke und murmelte ihre Entschuldigung. Sie glaubte zwar nicht, dass sie der Lehrer verstanden hatte, doch Gott sei Dank, verlangte er keine Wiederholung. Sie schlich auf ihren Platz, lies sich fallen und machte sich so klein wie möglich.

3 Tage später, an einem Samstagnachmittag, war sie mit ihren Eltern auf einer Familienfeier. Sie hatte zwar keine Geschwister, aber eine Vielzahl von Cousins und Cousinen. Die meisten waren in ihrem Alter, doch so richtig gut verstand sie sich nicht mit ihnen. Sie hatten alle schon einen Freund oder eine Freundin, nur sie war die einzige, die immer alleine auftauchte. Marie fühlte sich bei diesen Familienfeiern auch nicht wirklich besser, als in der Schule. Egal wo sie hinkam, sie fand einfach nirgendwo Anschluss. Aber jammern half auch nichts. Sie musste da jetzt durch. Und es war ja auch nicht so, als hätte sie besseres vor gehabt. Ihr Buch konnte auch bis zum nächsten Tag warten.

© Libellchen, 2011

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