Liebling

Ich wollte immer beliebt sein. Als Kind wünschte ich mir nichts mehr als Freunde zu finden und gemocht zu werden. Stattdessen war ich der Außenseiter und wurde jahrelang gemobbt. Jeden Tag wurde mir von meiner Umwelt klar gemacht, wie wenig ich wert bin. Mit 16 entdeckte ich den Alkohol. Plötzlich war es mir egal, was andere von mir dachten und auf einmal hatte ich „Freunde“. Das Mobbing hörte größtenteils auf und erst mit 19 kam dann der nächste Wandel. Die ersten „Freunde“ verabschiedeten sich und neue traten in mein Leben.

Jetzt bin ich 33 und weiß wer wirklich ein Freund ist. Ich weiß wer ich bin und was ich will. Ich bin erfolgreich, aber nicht beliebt. Zumindest nicht im Büro. Im Büro bin ich wieder der Außenseiter. Man würde glauben dass ich ein Problem damit habe, doch so ist es nicht. Mittlerweile genieße ich es, als die Böse verschrien zu sein. Vor allem, weil ich weiß, dass ich nichts „Böses“ getan habe. Zumindest nicht wenn es um meine Vorstellung von Gut und Böse geht. Ich tue nur nicht das was andere von mir wollen. Ich tue nur das was für eine Führungskraft in meiner Position angemessen ist. Meinen Mitarbeitern passt das nicht.

  • Und so bin ich die Böse weil ich keine Gerüchte verbreite. Ich bin Böse weil ich ihnen nicht erzähle was ihr Kollege, der seit Wochen im Krankenstand ist, für eine Krankheit hat. Hallo! Habt ihr schon mal was von Datenschutz gehört?
  • Als Führungskraft nehme ich an vielen Besprechungen teil, natürlich kann ich das nicht alles meinen Mitarbeitern erzählen, doch das wollen sie nicht verstehen. Also sudern sie im Kaffeekammerl rum, dass ich so böse bin, weil ich keine Firmeninterna erzähle.
  • Außerdem bin ich Böse weil ich meine Mitarbeiter anhalte ihre Kaffeepausen nach dem Arbeitsaufwand zu richten und nicht umgekehrt. Es kann doch wohl nicht sein, dass man im Büro zuerst dem Hobby tratschen nachgeht, und die Post stapelt sich in der Zwischenzeit tagelang auf dem Schreibtisch. Ja richtig. TAGELANG!
  • Und ich bin Böse weil ich mich nicht provozieren lasse. Weil ich nicht mit ihnen streite wenn ihnen danach ist.

Doch heute kann ich gut damit leben, „Böse“ zu sein. Vor allem deshalb weil ich mit meiner Leistung und meinem Verhalten zufrieden bin. Ich bin ruhig, besonnen und ausgeglichen. Ich informiere meine Mitarbeiter regelmäßig über alles, was sie brauchen um ihrer Arbeit nachgehen zu können. Ich lanciere keine Gerüchte und ich erzähle nichts was dem Datenschutz unterliegt. Ich bin fachlich kompetent und lasse meinen Mitarbeitern alle Freiheiten, solange sie die ihnen übertragenen Arbeiten, sorgfältig und zuverlässig, erledigen. Ich bin der Chef, den ich mir immer gewünscht habe.

Und wenn sich meine Mitarbeiter einen anderen Chef wünschen würden, dann müssen sie sich halt einen anderen suchen. Niemand ist gezwungen für mich zu arbeiten. Und noch einen Vorteil hat es die Böse zu sein. Die ganzen jammernden, sudernden, besserwisserischen Nixversteher, machen einen großen Bogen um mich, und lassen mich in Ruhe.

© Libellchen, 2011

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